#StänderatMichel – Politik und Anekdoten

Solidarität, Neutralität, gesunder Staatshaushalt – das sind Grundhaltungen, die in der Schweiz wichtig sind. Gleichwohl gibt es verschiedene Sichtweisen darauf, die in der vergangenen Session zu politischen Debatten geführt haben. Ich freue mich, wenn Sie meine Kurzberichte zum Anlass nehmen, mir dazu Ihre Sichtweise aufzuzeigen. Am besten im direkten Gespräch am kommenden Samstag, 28. März, um 11 Uhr im Restaurant Schiff.

Samstagsgespräch

Am kommenden Samstag, 28. März, von 11–12h, lade ich zum Samstagsgespräch zu Themen aus der letzten Session ein. Im Restaurant Schiff in der Zuger Altstadt berichte ich über Schwerpunkte. Das Gespräch ist offen für Fragen und Diskussionen für alle Interessierten. Angesichts der Medialisierung sind direkte Kontakte und das persönliche Gespräch wichtig.

Der Schatten von Crans-Montana

Das tragische Unglück der Neujahrsnacht in Crans-Montana wirft auch Schatten auf Bern. Mit der Erinnerung daran und das Mitgefühl mit Opfern und deren Familien beginnt die Session mit einem Gedenkwort des Ständeratspräsidenten. Und wir beenden die Session mit den Schlussabstimmungen, unter anderem zum Bundesgesetz zur Unterstützung der Opfer dieser Katastrophe. Was als nationaler Akt der Solidarität grosszügig daherkommen will (mit einer Soforthilfe von Fr. 50‘000 pro Fall), wirft doch einige Fragen der Gleichbehandlung auf: Es gibt viele tragischen Unfälle, zwar kleineren Ausmasses, doch für die betroffenen Opfer und Familien wirken sich auch diese schlimm aus. Ich befürworte den Solidaritätsakt des Bundes in vorliegenden Fall, zähle aber gleichzeitig darauf, dass die Behörden auf gemeindlicher und kantonaler Stufe in allen Fällen des Opferschutzes unbürokratisch Hilfe leisten. Ein funktionierender Staat ist gerade in Krisenfällen zentral.

Nach dem Sparen ist vor dem Sparen

Das Schlagwort der Session war «Entlastungspaket 27». Um die in den nächsten Jahren stark steigenden Ausgaben für die Armee und für die AHV finanzieren zu können, hat das Parlament den Bundeshaushalt um rund zwei Milliarden Franken entlastet. Das ist klar ungenügend, doch aus meiner Sicht nicht unerwartet: Erstens haben wir kein Training im Sparen. Zweitens verlangen zwar alle, dass Prioritäten gesetzt werden, doch je nach Betroffenheit sehen diese anders auch. Das ergibt auch mein Mailaustausch mit rund 50 Zuger Bürgerinnen und Bürgern, die uns Politiker in einem kollektiv abgefassten Mail zu «Spart zuerst bei euch» aufgerufen haben. Als ich konkret nachfragte, was das genau bedeute, wurde es dann oft schwammig. Und als ich darauf hinwies, dass die staatlichen Unterstützungen im grössten Umfang uns Bürgerinnen und Bürgern zugutekommen (so 41% für unsere Sozialversicherungen), dann wurde es oft ruhig mit konkreten Vorschlägen. Auch trägt das Stimmvolk selbst eine Mitverantwortung, wenn zum Beispiel die Mehrheit Milliardenausgaben für eine 13. AHV-Rente befürwortet, was den Druck auf das Sparen in anderen Bereichen massiv erhöht. Hier habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Einschnitte in für die Schweiz zentralen Bereichen wie Forschung und Innovation nicht zu heftig ausfallen. Klar ist, dass wir weiter an einem ausgeglichenen Bundeshaushalt arbeiten müssen, weshalb die FDP bereits im Winter eine Motion zum Aufgleisen eines Entlastungspakets 2029 eingereicht hat.

Von Kräuterfrauen und Honigbienen

Es sind vor allem Bäuerinnen und Landfrauen, die in ihren Gärten Kräuter hegen und diese nach traditionellen Rezepten zu kosmetischen Produkten verarbeiten. Damit erhalten sie altes Wissen und pflegen dieses kulturelle Erbe. Die Kräuterfrauen konnten den Rat überzeugen, diese Nische zu stärken und die Kräuterprodukte administrativ einfacher als Kosmetikprodukte zuzulassen, so der Inhalt einer einstimmig gutgeheissenen Motion. Schwerer hatten es hier die Imkerinnen und Imker aus dem Kanton Jura: Abgelehnt wurde das Begehren einer jurassischen Standesinitiative, den Ankauf von Zucker als Nahrungsmittel zu subventionieren; dies, um Zeiten von Frost oder grosser Nässe überbrücken zu können. Es geht also ab und zu sehr naturnah zu und her im Rat!

Für die Neutralität, aber gegen die Neutralitätsinitiative

Nicht sehr neutral, sondern zuweilen emotional geht es bei der Debatte um die Neutralitätsinitiative zu und her: Mit ihrer Initiative bekennt sich die SVP zu einem sehr einseitigen Neutralitätsverständnis, welches das Einstehen für Schweizer Interessen äusserst schwierig machen würde. Die Initiative verbietet Wirtschaftssanktionen gegen völkerrechtsverletzende Aggressoren wie Russland und würde die Zusammenarbeit der Schweiz mit der NATO stark erschweren. Das Parlament lehnt diese Einschränkungen der Handlungsfähigkeit der Schweiz klar ab. Fast mehr zu diskutieren gibt die Frage, ob es zu dieser Initiative einen Gegenvorschlag braucht. In meinem Votum für die Kommission lehne ich dies ab, da die Wahrung der Neutralität schon heute eine verfassungsmässige Aufgabe von Bundesrat und Parlament ist und jede weitere Fixierung der Neutralität in der Verfassung die Gefahr von Einschränkungen unserer Sicherheitspolitik mit sich bringen würde. Gerade in einer sehr labilen und unsicher gewordenen Welt muss die Schweiz ihre Handlungsmöglichkeiten bewahren. Fazit: Neutralität ja, aber nicht im Sinne der einschränkenden Initiative.

Keine Technologieverbote

Die Schweiz kennt derzeit zwei Technologieverbote: Das Verbot für gentechnisch veränderte Pflanzen und das AKW-Verbot. Beide Verbote sind schon Jahrzehnte alt und tragen den heutigen Verhältnissen nicht mehr Rechnung. Aus meiner Sicht sind sie aufheben. So erachtet auch unser nationales Forschungszentrum Agroscope es als verpasste Chance, die neuartigen Züchtungstechnologien nicht zuzulassen. Im Energiebereich geht es darum, mit einer Aufhebung des AKW-Verbots langfristig die Entwicklung von neuen Kerntechnologien zu ermöglichen. Mit dem Gegenentwurf zur Blackout-Initiative macht der Ständerat einen Schritt in diese Richtung. Das ist keine Schwächung der erneuerbaren Energien, da diese mittelfristig dringend benötigt werden und das Parlament auch die entsprechenden Gesetze verabschiedet hat (Ausbau der Wasserkraft). Aber zum Vornherein die Entwicklung von CO2-neutralen Technologien wie die Kernkraft auszuschliessen, wäre für das Innovationsland Schweiz ein Eigengoal.

Raclette bleibt Raclette

Apropos Technologieverbote: Technologisch kann heute nicht nur Wurst, sondern auch Raclette auf pflanzlicher Basis imitiert werden. Das war der Ständerätin aus dem Raclette-Kanton Wallis ein Dorn im Auge bzw. eine Sünde für den Gaumen. Sie reichte eine Interpellation ein, die ein Forschungsprojekt der nationalen Forschungsstätte Agroscope kritisch beleuchtete: Ein innovatives Forschungsprojekt, das eine pflanzliche Raclette-Alternative auf Basis von Sonnenblume suchte. Der Bundesrat konnte beruhigen: Die Entwicklung einer pflanzlichen Raclette-Alternative gehöre nicht zu den prioritären Kernaufgaben von Agroscope – und diese würde das Produkt auch weder selbst herstellen noch vermarkten. Also: Raclette bleibt Raclette!

Rechtsstaatlich fraglicher Kompass

Noch bevor der Bundesrat das neue Paket der bilateralen Verträge mit der EU in einer Botschaft an das Parlament übermittelt hat, wird versucht, die Spielregeln der künftigen Volksabstimmungen zu verändern: Mit einer (vom Ständerat schliesslich zu recht abgelehnten) Motion wird probiert, die Kompass-Initiative, die zwingend die Zustimmung der Mehrheit der Kantone (Ständemehr) verlangt, zeitlich noch vor die Volksabstimmung über das EU-Vertragspaket reinzudrücken. Dieses Manöver ist durchsichtig und verletzt die üblichen Regeln der Abfolge von Abstimmungen. Ich kann es deshalb nicht unterstützen. Der entsprechenden Kritik der SVP Zug an meine Adresse kontere ich entsprechend klar und erachte die SVP-Haltung als rechtsstaatlich fragwürdig (vgl. zentralplus).

Sprichwörtliche Wahrheiten auf Rätoromanisch

Zum Schluss der Sessionswoche beglückt uns der Ständeratspräsident, der Bündner Stefan Engler, wie immer mit einem rätoromanischen Sprichwort aus seinem Kanton. Diesmal im Idiom Vallader, einem im Unterengadin und im Val Müstair gesprochenen Rätoromanisch. Dieses Sprichwort mag uns Politikerinnen und Politikern Mahnmal sein: „Wer die Leiter hinauf will, muss mit der untersten Sprosse beginnen“.

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