#StänderatMichel – Politik und Anekdoten
Die Wintersession stand unter den dunklen Wolken am Finanzierungshimmel: Wie die milliardenschweren strukturellen Defizite bewältigen, ohne wesentliche Staatsaufgaben zu vernachlässigen und ohne gleichzeitig die Steuerzahlenden zusätzlich zu belasten? Angesichts dieser Herausforderung gibt es keine Weihnachtsgeschenke vom Bund, aber immerhin das Versprechen, dass wir unserem Staatshaushalt Sorge tragen.
Samstagsgespräch
Am kommenden Samstag, 20. Dezember, von 11–12h, lade ich zum Samstagsgespräch zu Themen aus der letzten Session (und darüber hinaus) ein. Im Restaurant Fischerstube in der Zuger Altstadt berichte ich über Schwerpunkte. Das Gespräch ist offen für Fragen und Diskussionen für alle Interessierten – laden Sie auch Ihre Bekannten dazu ein! Angesichts der Medialisierung sind direkte Kontakte und das persönliche Gespräch wichtig.


Kulinarische Reise ins Bündnerland
Hinter dem unspektakulären Titel «Wahl des Büros 25/26» verbirgt sich die Wahl unseres Ratspräsidiums. Dem jährliche Ritus folgend, wird der bisherige Vize-Präsident, der Bündner Stefan Engler, zum Ständeratspräsidenten gewählt. Derweil vom Nationalratssaal her die feierlichen Klänge der offiziellen Harmoniemusik des Kantons Fribourg, der «Landwehr», zur Wahl des Fribourger Pierre-André Page zum Nationalratspräsidenten ertönen, stimmen in unserem Saal die «Fränzlis da Tschlin» feine Bündner Volksweisen an. Entsprechend seiner vornehmen Bescheidenheit verzichtet der neue Präsident auf den traditionellen Feierumzug in seinen Heimatkanton. Dafür gibt es zur anschliessenden kleinen Feier seiner Wahl Capuns und Pizzoccheri, also immerhin einen kulinarischen Ausflug in seinen Kanton.
Fraglicher Geldsegen
Trotz düsteren Wolken über der mittelfristigen Finanzierung der Bundesausgaben (dazu braucht es das Entlastungspaket 27) verlief die Beratung zum Budget 2026 relativ gelassen. Ein Grund dafür war eher ein zweifelhafter: Zwar profitiert der Bund von unerwarteten Mehreinnahmen aus dem Kanton Genf in dreistelliger Millionenhöhe. Das ist aber auf eine rechtswidrige Praxis der Genfer Steuerbehörden zurückzuführen: Über Jahre wurden keine Steuerrechnungen mehr verschickt. Nun kommt das Geld einfach später, das nun vom Bundesparlament auch gleich verteilt wird, so zum Beispiel zehn Millionen Franken für die einheimische Weinproduktion; dieser Betrag wird dann aber gleich durch den Verzicht auf den Nachtzug nach Malmö wieder eingespart.


Belastende Diskussionen um Entlastung
«Der Bundeshaushalt droht aus dem Gleichgewicht zu geraten», so beginnt der Bericht des Bundesrates zum Entlastungspaket 27 für den Bundeshaushalt. Vorgeschlagen werden insgesamt 57 Massnahmen, die ab dem Jahr 2027 ein Entlastungsvolumen von 2,4 bis 3 Milliarden Franken jährlich vorsehen. Diese Massnahmen sind angesichts des drohenden strukturellen Defizits eigentlich angezeigt. Das Defizit ist zur Hauptsache durch die notwendigen erhöhten Ausgaben für unsere Sicherheit sowie für die Finanzierung der AHV begründet. Die Anstrengungen zur Stärkung unserer Verteidigungsfähigkeit unterstütze ich voll. Mehr Mühe habe ich damit, die wegen der 13. AHV-Rente verursachten Mehrkosten von über vier Milliarden Franken jährlich über Kürzungen bei Bildung, Wissenschaft und Innovation zu finanzieren. Wir würden so eine der Stärken der Schweiz schwächen, was ich in einem Kommentar zum Ausdruck bringe. Immerhin hat der Ständerat diese Bedenken, die ich auch als Präsident der Kommission für Wissenschaft und Bildung vorgebracht habe, ernst genommen.
Der grösste Weihnachtsbaum
Angeblich soll der grösste Weihnachtsbaum der Schweiz im Garten des Hotel Grand Resort in Bad Ragaz stehen. Doch das ist ein 40-Meter hoher Mammutbaum, der schon seit Jahrhunderten dort steht. Der grösste Tannenbaum hingegen wird jeweils in der Kuppelhalle des Bundeshauses aufgestellt und verdeckt dabei für einige Wochen den drei Eidgenossen die Sicht. Der Baum sei 30 Meter hoch, erfahre ich vom Gärtner. Ungläubig starre ich ihn an, hätte ein Baum dieser Grösse doch selbst im Bundeshaus kleinen Platz. Nein, meint der Gärtner: Hier aufgestellt sei nur der sechs Meter hohe Wipfel des riesigen Baumes, der aber nicht aus politischen Gründen gefällt worden sei, sondern ohnehin ausgeforstet worden wäre. Mein Fazit: Nur der Wipfel für den politischen Gipfel!


Schweiz als internationaler Gastgeber
Mit dem Ukraine-Krieg und den Krisen im Gaza oder im Sudan ist die Frage wieder aktuell geworden, wie stark und auf welche Weise sich die Schweiz international engagieren soll. Entschieden wende ich mich dagegen (so etwa in meinem Votum und in einem Interview während der Sommersession), dass unsere bisherige Neutralitätspolitik eingeschränkt werden soll durch eine isolierende Neutralitätsintiative. Gegen Isolation hat sich der Ständerat nun auch bei einer massvollen Lockerung des strengen Kriegsmaterialgesetzes entschieden. Weniger Diskussion gibt es bei der Rolle der Schweiz als Gastland für internationale Organisationen: Es herrscht hohe Übereinstimmung darin, dass die Schweiz ihre Stärke als sicherer und vertrauenswürdiger Ort für Friedensgespräche, internationale Konferenzen und Sitz internationaler Organisationen behalten soll. Dafür setzte ich mich als Kommissionssprecher für die Massnahmen zur Stärkung der Schweiz als Gaststaat ein. Gerade in einer Zeit erhöhter internationaler Verunsicherung und Polarisierung muss die Schweiz diese Stärke als Gaststaat vermehrt pflegen. Richtigerweise hat der Ständerat deshalb eine massive Kreditkürzung abgelehnt, denn: «Es ist wie bei einer Renovation bzw. bei einer aktuellen Ausrüstung eines bewährten, schon älteren Hauses: Es geht nicht um goldene Wasserhähne, aber darum, das Haus instand zu halten, es in der Krise des Multilateralismus erdbebensicher zu machen, es mit den heutigen nötigen digitalen Infrastrukturen auszurüsten und für die Sicherheit im Haus zu sorgen», so meine Worte.
Stärkung von Mediations- und Ombudsverfahren
An vielen Gerichten ist die zunehmende Geschäftslast zum Problem geworden. Die Durchsetzung von vermeintlichen oder berechtigten Rechtsansprüchen oder Bewilligungsverfahren zum Beispiel im Bauwesen beanspruchen Energie, Zeit und Geld. Auch für Private sind jahrelange Verfahren mit ungewissem Ausgang nicht erwünscht. In vielen Fällen bietet es sich an, aussergerichtliche Lösungen zu suchen. Mit meiner früheren Erfahrung als Mediator und Schlichter setze ich mich dafür ein: So habe ich ein Postulat zur Stärkung von Ombudsverfahren initiiert, das ich in meinem Votum im Ständerat vertrat, dies vor allem zur Bewältigung von Schäden, die viele Personen in gleichem Massen betreffen (Massenschäden). Sodann hat mich der Fall eines Zürcher Mediators, der von der Staatsanwaltschaft als Zeuge berufen wird, motiviert, mich mit einem Postulat für die Stärkung des Mediationsgeheimnisses einzusetzen.


Lange Diskussion um kurze Wellen
Die Ultrakurzwellen (UKW) bescherten dem Ständerat (wie auch schon dem Nationalrat) lange Diskussionen. Im Resultat unterstützt das Parlament eine Motion zur Verlängerung bzw. Ausschreibung von UKW-Konzessionen ab 2027. Persönlich habe ich den schon vor Jahren auf Begehren der Rundfunkbetreiber gegangenen Weg zum Ausstieg aus UKW und die Fortsetzung der digitalen Transformation unterstützt. Es gibt aber auch sicherheitspolitische Bedenken gegen einen zu raschen Ausstieg, bevor nicht valable Alternativen zur Kommunikation in Krisenfällen zur Verfügung stehen. Mit dem sehr langsamen Ausstieg aus UWK leistet sich die Schweiz hier viel: er kostet rund 20 Millionen Franken, dies zulasten der Radiobetreiber, bezahlt über die Serafe-Haushaltabgabe. Das ist ein Argument mehr, dass man der SRG nun nicht die Hälfte ihrer Mittel entziehen darf: Man würde damit nicht nur eine flächendeckende politische Information schwächen, sondern auch die kulturelle Vielfalt der Schweiz. Und auch die Funktion der SRG für eine sichere, unabhängige und flächendeckende Information im Krisenfall. Das habe ich im Rahmen der Medienkonferenz des Komitees «Nein zur zerstörerischen SRG-Initiative» gegen die Halbierungsinitiative bekräftigt.
Jahreslanges Ringen um Kita-Finanzierung
Lange hat auch die Beratung einer ergänzenden Finanzierung für die familienexterne Kinderbetreuung gedauert. Im Grundsatz ist sich eine grosse Mehrheit darin einig, dass in der Schweiz ausreichende und bezahlbare Kita-Plätze zur Verfügung stehen müssen. Solche Plätze sind aber oft so teuer, dass sich eine neue oder ergänzende Erwerbstätigkeit der Eltern nicht lohnt. Diesem Thema widmete sich das Parlament nun während fast fünf Jahren, dies in dreissig Sitzungen der national- und ständerätlichen Kommissionen begleitet durch Dutzende von Berichten der Verwaltung. Die intensive Beratung war es uns wert, um in der familienergänzenden Kinderbetreuung einen Schritt vorwärts zu kommen. Nun haben wir eine Lösung in der Form einer ergänzenden Betreuungszulage, dies nach dem Modell der Familienzulagen finanziert und ausbezahlt wird. Im Zeitpunkt des Versands dieses Newsletters steht noch die Schlussabstimmung an: Sollte diese Vorlage vom Parlament abgelehnt werden, werden die Kantone umso mehr handeln müssen. Denn sonst steigt das Risiko, dass mit der Kita-Initiative eine sehr zentralistische und überteuere Bundeslast auf uns Steuerzahlerinnen und Steuerzahler zukommt.


Von der Wurst zur Vurst
Mit der parlamentarischen Gruppe Kultur organisiere ich unter anderem ein «Wurst-Zmittag». Wir sehen die Kultur als weiten Begriff und beleuchten und geniessen hier auch das wurstige Kulturerbe der Schweiz. Im Zeitalter vegetarischer und veganer Alternativen bieten wir auch die Vegi-Wurst an. Genau diese wird nun zum Politikum: Aufgrund der heutigen Gesetzeslage erlaubt es der Europäische Gerichtshof, dass eine rein pflanzliche Wurst auch als solche bezeichnet werden darf. Als politische Konsequenz will das EU-Parlament die Gesetze anpassen: «Steak» oder «Wurst» sollten exklusiv für tierische Produkten verwendet werden dürfen. Das gibt Widerstand in EU-Mitgliedstaaten und der Streit um die Wurst geht weiter. Aus Gründen der kulturellen Vielfalt warnt die Europäische Vegetarier-Union: Eine neue Wurst-Definition könne «aufgrund der unterschiedlichen Sprachen und Kulturen in Europa ziemlich kompliziert werden». Mein Vorschlag: Vurst statt Wurst. Und am eingangs erwähnten Wurstzmittag habe ich sprachkulturell dazugelernt: Wenn wir in der Deutschschweiz von «Salamitaktik» reden, bedient man sich in der Westschweiz der «saucissonage», angelehnt an die «saucisson» (= Wurst).